PORTRÄT UND INTERVIEW

Im Gespräch mit... Martin Haas, Lena Götze, Sandro Ruiu und Matthias Jänicke

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Langer Name, weiter Weg

  • Text: Therese Mausbach
  • Fotos: Roland Halbe

haascookzemmrich STUDIO2050. Das Stuttgarter Architekturbüro trägt in seinem langen Namen große Ideale. Neben dem weiten Weg zur Erfüllung der Klimaziele im Jahr 2050, planen die Architekten vor allem ganzheitliche Bau- und Mobilitätsprojekte, die bis nach China reichen.

In Stuttgart hält die U-Bahn am Berliner Platz an einer oberirdischen Straßenbahnstation. Solch lokale Urtümlichkeit fällt mehr denn je auf, denn das Reisen ist rar geworden. Nach dem Ausstieg geht es vorbei an den aus der Zeit gefallenen Mosaiken der Liederhalle in die Gymnasiumstraße, wo sich einst die Stuttgarter Alternativszene in der „Filmgalerie 451“ mit neuem cinéastischen Stoff versorgte. Die Videothek zog nach Berlin und ihre Räumlichkeiten wurden frei für haascookzemmrich STUDIO2050, kurz HCZ. Passanten begutachten die vielen Modellexperimente im Schaufenster des verglasten Ateliers von HCZ. Drinnen, im offenen Studio, arbeitet das 2012 gegründete Architekturbüro in großem Abstand an verschiedenen Projekten.

HCZ ist bekannt dafür, den interdisziplinären Diskurs zwischen Soziologen, Energieberatern, Materialforschern anzuregen. Momentan bleibt der persönliche Austausch aus, Luftfilteranlagen haben sich zu den wenigen Mitarbeitern gesellt, die an diesem Tag nicht im Homeoffice sind. Gesprächsrunden zu Wettbewerben und Projektentwicklungen finden natürlich weiterhin statt und auch die regelmäßige Frühstückstradition ist per Videoübertragung machbar, berichtet die Innenarchitektin Lena Götze. Sie wirkte an jenem 2019 fertiggestellten Projekt mit, das als Vorreiter ökologischer Firmenarchitektur zahlreiche Preise erhielt, darunter auch in die Shortlist des International Urban Project Award einzog. Seit dem Alnatura Campus mehren sich die Bauaufgaben für die Architekten.

Gerade den nachhaltigen Industriezweig gewinnen sie durch ihre umweltfreundlichen, gar anthroposophischen Vorstellungen des Arbeitens. Auf den Hauptsitz des Bio-Lebensmittelhändlers Alnatura in Darmstadt folgte ebenda der Umbau eines alten Gutshofs zum Büro für den ökologischen Verband Demeter. Ein repräsentativer Firmenstandort für das Naturkostunternehmen Rapunzel im Allgäu sowie ein Campus für Naturkosmetik in Calw sind in Planung. Auch der Lieferant für biologische Systemlösungen Promega identifiziert sich mit umweltfreundlichen Ansätzen. Doch auch über die nationalen Grenzen hinaus entstehen Projekte von HCZ. Wie etwa in Lettland. An dem umfangreichen Bau der Musikschule und dem Konzertsaal in Ventspils, dessen asymmetrisches Dach in goldener Farbe eine Assoziation mit Scharouns Philharmonie anstößt, lässt sich die Gründungsgeschichte des Büros ablesen.

Den Wettbewerb gewann vor fünfzehn Jahren Stefan Behnisch mit seinen damaligen Partnern Martin Haas und David Cook, als sie und Stephan Zemmrich bei Behnisch Architekten tätig waren. Die Finanzkrise legte das Projekt im Baltikum auf Eis. 2012 gründeten Haas, Cook und Zemmrich das Studio 2050 mit dem Ziel, die politische Agenda des Pariser Abkommens in ihrem Büronamen zu verewigen, um die Jahrhundertaufgabe der Klimaneutralität durch ihre Arbeit aktiv mitzugestalten. Hierbei erwies sich Transsolar bei der Energieplanung als ständiger Partner. So auch in Ventspils. 2014 erhielt HCZ den Auftrag, an der Konzerthalle weiterzuarbeiten. Seit Sommer 2019 bildet sie nun eine Einheit mit seinem ebenfalls von HCZ entworfenen Vorplatz Lielais Laukums.

Einen zweiten Sitz hat HCZ in China. Seit 2017 leitet Liu Hanxiao die Niederlassung in Shanghai. Mit ihm entstand der Wettbewerbsentwurf für einen Bahnhof in der Küstenstadt Xiang’an in Xiamen, der als „Tal des Lichts“ bezeichnet wird. Auch im Raum Stuttgart experimentieren die Architekten mit zukunftsorientierten Lösungen im Bereich der Mobilität. Der Europaplatz in Tübingen erfährt eine umfangreiche Neugestaltung, die den Schwerpunkt auf eine von HCZ entworfene Radstation mit angegliederter Gastronomie setzt; in Stuttgart erhielt das Büro kürzlich die Nachricht, dass das Parkhaus der Kaufhauskette Breuninger nach ihren Entwürfen zum „Smart Mobility Hub“ umgewandelt wird.

Für die Sieger des Wettbewerbs war es sicherlich gewinnbringend, dass das neue Mobilitätszentrum nahe dem geplanten Film- und Medienhaus entstehen soll, für welches HCZ bereits fünf Jahre lang eine Machbarkeitsstudie durchführte. HCZ ist mit seinen wachsenden Aufgaben derzeit auf der Suche nach neuen Kollegen und größeren Arbeitsflächen. Das alternative Szenelokal ist für die nachhaltigen Visionen zu klein geworden. Größeres muss her, schließlich ist der Weg bis zur Erfüllung der Klimaziele weitaus länger als der Name des jungen, ambitionierten Büros.

Im Gespräch mit …

Martin Haas, Lena Götze, Sandro Ruiu und Matthias Jänicke

haascookzemmrich STUDIO2050 entwarf für das amerikanische Life-Science-Unternehmen Promega eine Firmenzentrale im südlich von Heidelberg gelegenen Walldorf. Welche Akzente in der Zusammenarbeit mit dem Bauherrn gesetzt wurden, berichtet das junge Architektenteam im persönlichen Gespräch mit der Bauwelt Redaktion.

Therese Mausbach: Wie kam es zu der Aufgabe, eine Unternehmenszentrale für Promega zu errichten?

Martin Haas: Der Beginn war abenteuerlich. Die Promega Corporation, eine amerikanische Firma im Bereich der angewandten Biochemie, erwog einen Neubau für seine deutschen Tochterunternehmen. Für den Gründer und CEO von Promega Bill Linton spielt die Architektur und die damit verbundene Lebensqualität eine große Rolle. Uns wurde empfohlen an der Ausschreibung teilzunehmen und innerhalb weniger Wochen haben wir Modelle gebaut, sie in Amerika vorgestellt und uns in Madison, Wisconsin, die Firmenzentrale angeschaut. Promega schätzte unsere Idee. Wir waren überrascht mit welcher Geschwindigkeit die Umsetzung folgen sollte.

„Für den Gründer und CEO von Promega spielt die Architektur und die damit verbundene Lebensqualität eine große Rolle.“

Martin Haas
Martin Haas und Matthias Jänicke

TM: Promega stellt u.a. Enzyme für Laboruntersuchungen wie Nukleinsäure her. Zugleich wird das passende technische Equipment für die Forschung produziert. Inwiefern musste auf spezielle Arbeitsschwerpunkte Rücksicht genommen werden?

MH: Die Frage war, wie wir trotz der strengen Nutzungstrennung überhaupt Kommunikation ermöglichen können. Unsere Grundidee „Alles unter einem Dach“ zu vereinen, widerspricht dem Lärmpegel in der Logistik und der erwünschten Ruhe in der Verwaltung.

TM: Für den Alnatura Campus entdeckten Sie die ortsbezogene Stampflehmfassade neu. Welche materialtechnische Innovation bringt das Projekt Promega mit sich?

Sandro Ruiu: Eine der Grundideen ist das große reziproke Holzdach, das sämtliche Bereiche, die der Produktion, der Verwaltung und der Logistik, bündelt und einen gemeinsamen Eingang für alle Mitarbeiter schafft.

TM: Reziprok bedeutet…

SR: …, dass es keine Haupt- und Nebenträger wie bei einem konventionellen Dach gibt, sondern nur Querkräfte in einem statischen System übertragen werden. Das ermöglicht uns, die Kräfte auf die Stützen abzuleiten. Die Träger sind über den Stützen größer und werden dann immer kleiner. Dadurch ergibt sich eine Rhythmik an der Decke, was uns architektonisch sehr gut gefallen hat. Das Dach wirkt dadurch trotz seiner Größe von 9000 Quadratmeter sehr schlank.

Sandro Ruiu

MH: Wir wollten, dass mit dem Material ein leichter Charakter in das Gebäude einzieht. Das Holz sollte kein limitierender Faktor sein, daher haben wir versucht mit dem Holz architektonische Freiheiten weiterzuentwickeln. Das Dach löst sich nach oben in ein luftiges Blätterdach auf. Während Alnatura die Nachhaltigkeit deutlich nach außen zeigt, hat Promega eine andere architektonische Setzung. Es ist für uns, mit unserer kurzen Bürohistorie, ein ganz wichtiges Projekt. Wir hatten mehr Erfahrung und haben uns getraut, mit Materialien zu spielen.

TM: Welche Rolle spielt dabei die Umwelt?

Matthias Jänicke: Wir betrachten die Architektur und den Ort ganzheitlich. Dazu gehört auch die Frage nach der Herkunft der Materialien. Wir haben uns aus ökologischen Gründen gegen eine reine Holzkonstruktion entschieden, weil es einfach keinen Sinn ergeben hat, das Holz aus Rosenheim herzubringen, wenn doch Zement in lokaler Nähe in Heidelberg hergestellt wird.

„Wir betrachten die Architektur und den Ort ganzheitlich. Dazu gehört auch die Frage nach der Herkunft der Materialien.“

Matthias Jänicke

MH: Ökobilanzen und Lebenszyklus-Kosten begleiten unsere Arbeit permanent. Der Bauherr war dem gegenüber aufgeschlossen. Gerade bei Teppich und Bodenherstellern arbeiten einige mit cradle-to-cradle. Für uns ist das ein Gütesiegel. Wenn das einer kann – umso besser!
Lena Götze: Momentan erstellen wir ein Verzeichnis, das die Suche nach nachhaltigen Materialien erleichtert.

TM: Frau Götze, wie ist es Ihnen als Innenarchitektin gelungen, für 115 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern aus den Bereichen der Verwaltung, der Produktion und der Logistik eine zeitgerechte Arbeitsumgebung zu kreieren?

LG: Wir hatten den Anspruch, den Innenbereich so großzügig und vielfältig wie möglich zu gestalten. Eine visuelle Verbindung der Logistik und der Verwaltung schaffen wir durch die Schaufenster. Auch der Sozialraum bietet die Möglichkeit sich zu treffen oder gemeinsam einen Kaffee zu trinken. Die Strukturierung des Raums haben wir durch die drei Kerne gelöst, auch farblich. Die Farben Blau, Rot und Gelb bieten Orientierung und wirken ganz nebenbei auch aus der Ferne von außen schön. Gelegenheiten sich zurückzuziehen, bieten die kleinen Möbel mit hohen Lehnen, die zugleich als Sichtschutz dienen.

Lena Götze

TM: Wie würden Sie das Farbkonzept beschreiben?

LG: Die Hauptfarben Blau, Rot und Gelb sind jeweils Zonen zugeordnet. Die Möbel und Vorhänge nehmen Bezug auf die Farbgestaltung. Ein schöner Nebeneffekt ist die Fernwirkung von außen. Die Treppenhäuser strahlen in ihrer Farbigkeit sehr schön nach außen.

TM: Ist es richtig, dass Sie bei der technischen Gebäudeausrüstung additive Ansätze verfolgen?

MH: Ja, additiv bedeutet, ein Gebäude in seiner Struktur so zu bauen, dass es ohne jede Technik an einem Ort maximal gut funktionieren kann. Es handelt sich hier um ein tageslicht-optimiertes Haus. Hinzu kommt die Stahlbetondecke, die einen thermischen Ausgleich über die Jahreszeiten schafft. In den Verkleidungen, also abgehängten Decken, doppelten Böden und vorgesetzten Verschalungen bringen wir die technischen Installationen unter. Die werden also sichtbar angefügt, sodass der Zugriff darauf immer gewährleistet ist, was schließlich zu einer ökonomischeren und nachvollziehbaren Bauweise führt.

TM: Promega schafft für die Bewohner von Walldorf anstelle eines verriegelten Privatgeländes eine öffentlich zugängliche Parkanlage.

MJ: Ja, hierbei spielt die Landschaftsarchitektur eine große Rolle, die zusammen mit Ramboll Studio Dreiseitl entstand. Während andere Firmensitze eingezäunt werden und die Sicht auf das Gebäude verwehren, durften wir einen frei zugänglichen Außenbereich planen, bei dem nun ein 400 Meter langer Spazierweg um das Bauwerk herumführt. An mehreren Stationen werden Freizeitmöglichkeiten gleichermaßen für die Besucher wie die Mitarbeiter angeboten. Bei guter Wetterlage kann auch ein Outdoor-Office genutzt werden. Das Gelände diente zuvor der Agrarwirtschaft. Durch historischen Bergbau bedingt, ist der Boden durch Schwermetall belastet. Wir entschieden uns für eine behutsame Renaturierung durch eine Bepflanzung ortstypischer Obstbäume und dem vorhandenen Heidegras. Durch die Modellierung des Bodens wird die Erde in der Landschaftsplanung wiederverwertet. Den Höhepunkt bildet der künstliche See.

„Ein Gebäude muss in seiner Struktur ohne jede Technik an einem Ort maximal gut funktionieren“

TM: Welchen Zweck erfüllt der See?

MJ: Der See befördert das Mikroklima und die Biodiversität. Als Löschwasserteich ergänzt er den Brandschutz des Gebäudes. Gerade an heißen Sommertagen erfüllt er zudem eine kühlende Funktion. Bei Regen wird das Wasser vom Dach zu 75 Prozent gefiltert in den See weitergeleitet. Grauwasser gelangt ebenfalls in den See. Durch zwei Kiesgruben wird das Wasser zusätzlich gefiltert. Überschüssiges Wasser wird in das städtische Sielnetz transportiert. Die Stadt fand die Lösung sehr gut, da so eine Grundwasserregeneration stattfindet. Wir haben also einen natürlichen Wasserkreislauf auf dem Grundstück.

TM: Die Parkflächen von Promega sind mit Ladestationen für E-Autos und Fahrradstellplätzen ausgestattet. Und auch in der Landeshauptstadt nehmen Sie sich der Mobilitätsfrage an. Kürzlich haben Sie den Wettbewerb zum „Smart Mobility Hub“ gewonnen. Was erwartet da die Stuttgarter Innenstadt?

SR: Das jetzige Breuninger Parkhaus soll im Zuge der IBA 2027 abgerissen werden. Die Aufgabe ist es, neben dem neu gegründeten Film- und Medienhaus ein Mobility Hub zu verorten. Mit dem Ziel weiterhin das Parken zu ermöglichen und in die Zukunft zu führen. Theoretisch könnte man dort Autos, Fahrräder, Roller und Flugdrohnen unterbringen und zwischen den verschiedenen Mobilitätsformen schnell und einfach wechseln.

Architekten

haascookzemmrich STUDIO2050

www.haascookzemmrich.com

Gymnasiumstraße 52, 70174 Stuttgart

haascookzemmrich STUDIO2050 ist ein von Martin Haas, David Cook und Stephan Zemmrich gegründetes Architekturbüro. Mit dem Ziel, menschen- und umweltfreundliche Lösungen zu entwerfen, arbeitet das Studio mit 30 Mitarbeitern an Stadtplanungs- und Architekturprojekten weltweit. Ziel des Büros ist eine Architektur, die dauerhaft das Leben der Menschen bereichert, sinnvolle Innovationen bietet und über die reine Funktionserfüllung hinaus einen kulturellen Mehrwert liefert. Als Mitbegründer der DGNB und über die Lehraufträge an der University of Pennsylvania in Philadelphia und der Universität in Oregon sind die Partner Teil eines umfangreichen Netzwerks für die Entwicklung innovativer, nachhaltiger Architektur.

Projekte (Auswahl)

2020 TENon5 Mannheim
2020 Demeter Hofgut Oberfeld, Darmstadt,
2019 Musikschule und Konzertsaal, Ventspils

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