Systemrelevante Bürostrukturen
- Text: Therese Mausbach
- Fotos: Roland Halbe
Südlich von Heidelberg, in Walldorf, entwarf haascookzemmrich STUDIO2050 den deutschen Hauptsitz für den amerikanischen Hersteller Promega. Ende des Jahres 2019 bezog der Konzern sein Logistik- und Verwaltungszentrum. Nur wenige Monate später war die neue Arbeitswelt das Homeoffice.
Promega hat es schwarz auf weiß. Der Hersteller biologischer Lösungen für Medizin und Wissenschaft gilt als Teil der „kritischen Infrastruktur Deutschlands“, ist also „in Bezug auf die Daseinsvorsorge und zur Bekämpfung der Pandemie“ systemrelevant. Unter größten Sicherheitsvorkehrungen gewährte das Unternehmen uns dennoch einen Besuch ihrer von haascookzemmrich STUDIO2050 entworfenen Hauptzentrale.
Walldorf, mit der Bahn nur zehn Minuten von Heidelberg entfernt, ist von reicher Industriekultur bestimmt. Neben dem Hauptsitz des Softwareunternehmens SAP und der Heidelberger Druckmaschinen AG hat sich in der Kleinstadt im Jahr 2019 außerdem die Niederlassung der Promega Corporation angesiedelt. Erstaunlich offen und freundlich wie die Mitarbeiter selbst zeigt sich das Firmengelände. Es ist keine umzäunte Produktionsfläche, sondern eine allgemein öffentliche Außenanlage. Die Industrielandschaft hat eine Parkanlage erhalten.

Geschwungene Wege, eine bewegte Bodenmodellierung, ein Trimm-dich-Pfad sowie Sitzbänke zum Arbeiten und sich Unterhalten stehen jedem zur Verfügung. Die Gebäudefront wird an einer Seite von einem künstlich angelegten See gerahmt. Seit 1997 verteilte sich das wachsende Team von Promega auf drei verschiedene Häuser in Mannheim. Auf der Suche nach einem passenden Standort für die inzwischen 120 Mitarbeiter bot Walldorf die geeignete Infrastruktur für ein Hauptquartier, dessen Industriezweig nun die anderen bereits angesiedelten ergänzt.

Von Beginn an arbeiteten die Architekten im regen Austausch mit ihren Auftraggebern an der Leitidee, die einst verstreuten Abteilungen der Logistik, der Produktion und der Verwaltung unter einem Dach zu vereinen. Und so kam es, dass heute ein 9000 Quadratmeter großes Dachraster aus heller Fichte die neue Arbeitswelt gänzlich überspannt. Zusammen mit den Stuttgarter Tragwerksplanern Knippers & Helbig entstand ein filigranes Tragwerk.
Verkleidungen aus Eichenholz sollen die Langlebigkeit des neuen Unternehmensstandortes versinnbildlichen.
Schlanke Rundstützen aus regionalem Schleuderbeton haben neben ihrer tragenden Rolle außerdem die Aufgabe, Regenwasser vom Dach durch ein in ihrem Hohlraum innenliegendes Rohr in den See zu leiten. Zusammen mit den Architekten entwickelte Transsolar ein Energiekonzept für das Bauvorhaben, dessen Sheddach nachts seine Fenster automatisch öffnet, wenn das warme Wetter das Gebäudeklima beeinflusst. Thermisch aktive Bauteile wie Heiz- und Kühlsegel unter dem Dach absorbieren dann an heißen Tagen die kalte Luft. Auf dem Dach tragen Photovoltaikflächen zur Deckung des hauseigenen Energiebedarfs bei.

In einem einzigen offenen Raum können die einzelnen Arbeitsbereiche des mit entzündlichen Stoffen arbeitenden Unternehmens allein aus Brandschutzgründen nicht unterkommen. Das Gebäude steht im vorderen Bereich also der Verwaltung und der Produktion zur Verfügung, wandhohe Glasflächen schaffen eine transparente Verbindung zur Logistik, die im hinteren Teil etwa 60 Prozent der Geschossfläche einnimmt und durch eine Brandschutzwand gesichert ist. Einen sozialen Anker schaffen die drei Gemeinschaftsräume im ersten Obergeschoss, die von beiden Gebäudeteilen zugänglich und als Treffpunkt für Besprechungen oder Pausenaktivitäten nutzbar sind. Im Atrium bieten großzügige Treppen und breite Stufen Sitz und Versammlungsangebote.

Auf allen drei Geschossen befinden sich grüne Oasen. Verkleidungen aus Eichenholz sollen die Langlebigkeit des neuen Unternehmensstandortes versinnbildlichen, so Anette Leue, die von Unternehmensseite das Bauprojekt begleitete. Die Orientierung im Gebäude folgt farblich gekennzeichnet den Himmelsrichtungen von Nord nach Süd. Auch die Konferenzräume richten sich danach: Von Stockholm bis nach Madrid reichen ihre Namen – den einzelnen Dependancen des Weltkonzerns gewidmet. Der nördliche Verwaltungstrakt in kühlem Blau bietet offene Arbeitsplätze und Sitzecken. Akustiklamellen, Holzwolleplatten, Vorhänge sowie Pflanzen absorbieren den Schall und gewährleisten ein ruhiges und behagliches Klima in transparentem Umfeld.
Schlanke Rundstützen aus regionalem Schleuderbeton haben neben ihrer tragenden Rolle außerdem die Aufgabe, Regenwasser vom Dach durch ein in ihrem Hohlraum innenliegendes Rohr in den See zu leiten.
Im obersten Geschoss verfügt der blaue Bereich über eine Bibliothek, einen Fitnessraum, Duschen, Umkleiden und einen Balkon. Das Gebäude wurde außerdem um Gemeinschaftsküchen ergänzt. Eine zum See ausgerichtete Cafeteria im Erdgeschoss ist als Gemeinschaftsort gedacht und mit portugiesisch inspirierten Bodenfliesen und schwungvoll gestalteten Holzmöbeln eingerichtet. Als das Gebäude für Promega und seine Töchterunternehmen fertiggestellt war, stand nach dem großen Umzug ein erstes gemeinsames Weihnachtsfest bevor. Wenige Wochen später sattelten die Mitarbeiter auf Homeoffice um. Die Zentrale in Walldorf wirkt noch unberührt, ihre geplante Nutzung lässt auf sich warten und man befindet sich an einem Scheideweg der neuen Arbeitswelt.
